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Achtsamkeit – der Schlüssel zum Glück?

Achtsamkeit

„Alles Geschaffene ist vergänglich. Strebt weiter, bemüht euch, unablässig achtsam zu sein.“ (Buddha)

Man liest und hört es mittlerweile überall. Auf Buch- und Zeitschriftencovern, Zeitungsartikeln, Volkshochschulkursen, MBSR-Kursen, Heilpraktikern, Psychotherapeuten, YouTube-Videos… Die Liste lässt sich gefühlt endlos fortsetzen.

Es scheint, als wäre Achtsamkeit einer der Schlüssel zu Entspannung und Glück. Warum ist das Konzept der Achtsamkeit heutzutage so in den Fokus geraten? Warum ist es so wichtig für Menschen, achtsam zu sein?

Auch ich stieß vor ein paar Jahren zum ersten Mal auf den Begriff im Zusammenhang mit Entspannung und Meditation und las mir einige Informationen dazu an. In Folge besuchte ich eine Probe-MBSR-Stunde. MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) ist eine Methode, die von Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde. Mittlerweile gibt es in jeder Stadt mehrere ausgebildete MBSR-Lehrer/innen, die Achtsamkeitskurse anbieten. Die Probestunde überzeugte mich nicht, da der Lehrer unsicher wirkte und irgendwie nicht das ausstrahlte, was ich von einem Coach erwartete. In den folgenden Jahren begegnete ich dem Konzept Achtsamkeit immer wieder, doch irgendwie kam ich nicht damit klar.

Wann immer ich versuchte, im gegenwärtigen Moment achtsam zu sein, ob nun auf meine Umgebung oder auf mich selbst, erlebte ich, wie ich innerlich sofort wieder abschweifte. Ich hatte es mir so sehr angewöhnt immer, mit den Gedanken immerzu woanders zu sein, dass der Fokus auf den gegenwärtigen Augenblick Moment sofort Langeweile bei mir hervorrief. Ich ertappte mich bei Gedanken wie:

„Ja, diese Landschaft sieht ja wirklich sehr schön aus, aber dieses Problem, was ich gerade habe, ist wichtiger als die tolle Aussicht“.

„Das ist ja wirklich gerade ein besonderer Moment, doch morgen erwartet mich ja schon die nächste Aufgabe.“

Wann immer ich mich zum Meditieren aufraffte, gab ich nach wenigen Minuten frustriert auf, weil ich das Gefühl hatte, weder Stillsitzen zu können, noch mich auf meinen Atem zu fokussieren.

Das tägliche Leben mit To-Do-Listen, Aufgaben, Terminen, Höhen und Tiefen, Herausforderungen macht es wirklich nicht leicht, innezuhalten. Jedes Mal, wenn wieder ein Jahr rum ist, merke ich erschreckt, wie schnell doch die Tage und Wochen vorbeiziehen, ohne dass ich es richtig registriere. Je älter ich werde, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Dabei möchte ich doch noch so viel in meinem Leben erreichen, ein besserer Mensch werden, habe viele Träume und Wünsche.

Dieses Jahr bemerkte ich, dass ich mein Leben nicht einfach so an mir vorbeiziehen lassen konnte! Mit den Gedanken ständig woanders zu sein, Zeit mit Sorgen zu verschwenden & Panikattacken zu haben, hilft aber kein bisschen, wenn man das eigene Leben in die Hand nehmen will. Es war und ist ein schwieriger Weg, doch dieses Jahr fand ich einen anderen Zugang zur Achtsamkeit.

Ich wurde zu einer Achtsamkeitsmeditation angeleitet. Ich befand mich gerade in einer meiner stressigen und verzweifelten Phasen und wünschte mir nichts sehnlicher als einmal abschalten zu können. Ich ließ mich einfach fallen, ließ den Atem kommen und gehen, fokussierte mich auf meinen Körper, besonders dort, wo ich Schmerzen hatte und versuchte, diese durch meinen Atem zu lösen. Gedanken kamen, doch es genügte, diese zu registrieren und sie wieder ziehen zu lassen. Das Ganze fühlte sich an wie 10 Minuten, doch als die Meditation vorbei war, erfuhr ich, dass ich soeben 40 Minuten meditiert hatte. Es fühlte sich unglaublich an. Meine Kopfschmerzen waren weg, ich fühlte mich auf wundersame Weise, als wäre ich das erste Mal seit langer Zeit wieder bei mir angekommen.

Achtsamkeit bedeutet für mich, die Balance wiederzufinden, die ich irgendwo auf dem Weg verloren habe, weil all die Momente, all die Begegnungen und all die Gedanken, die tagtäglich auf uns alle einprasseln nicht verarbeitet werden können.

Einmal bewahrte mich die Achtsamkeitsmeditation vor dem Gefühl, komplett die Nerven zu verlieren. Ich wachte auf und fühlte mich leer, unmotiviert, lustlos und unzufrieden. Dennoch wartete da eine ganze Liste mit Aufgaben auf mich. Am liebsten hätte ich alles zerrissen und weggeschmissen. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich so empfand und ich nicht die Person war, die ich sein wollte.  In diesem Moment wurde mir klar, dass ich die Wahl hatte: Durchdrehen oder mir selbst zuzuhören. Ich wählte letztere Alternative, setzte mich auf mein Bett und begann, mir selbst zuzuhören. Ich führte ein richtiges Zwiegespräch mit mir selbst, laut. Ich äußerte alles, was mich belastete und begann mir selbst Antworten darauf zu geben. Die Antworten, die ich in diesem Moment brauchte, die mich trösteten, die mich beruhigten. Zwischendurch begann ich zu weinen, ließ meinen Gefühlen freien Lauf. Ich versuchte, alles zu verstehen. Als ich alles gesagt hatte, was ich loswerden wollte, saß ich da und meditierte. Atmete. Spürte meinen Körper wieder. Ich gab mir so viel Zeit wie nötig war, bis ich das Gefühl hatte, dass ich mich selbst wieder gefunden hatte. Ich weiß nicht, wie lange das alles dauerte, es war auch nicht wichtig.

Als ich meine Augen öffnete, fühlte ich mich befreit. Ruhig. Fokussiert. Ausbalanciert. Meine Aufgaben waren immer noch da, doch plötzlich war ich imstande, alles in einem anderen Licht zu betrachten. Ich machte einen kleinen Spaziergang, genoss die Natur und den Wald und bemerkte, dass ich innerlich und äußerlich strahlte.

Das war die mächtigste Erfahrung, die ich bisher im Rahmen von Achtsamkeit gemacht habe. Es zeigt mir, wie wichtig es ist, dass wir zu uns selbst zurückfinden. Denn wir wissen meistens am besten, was uns gut tut. Wir müssen uns nur zuhören, so wie ein guter Freund oder eine gute Freundin uns zuhören würden. Es ist wichtig, dass wir uns selbst das geben, was wir brauchen. Sonst werden wir nie unser Potential ausschöpfen können.

Vorher war das Konzept „Achtsamkeit“ für mich abstrakt. Jetzt habe ich herausgefunden, was es für mich bedeutet.

Achtsamkeit bedeutet für mich

  • Mir selbst zuzuhören und auf meine eigene Gedanken und Gefühle einzugehen
  • Zu verstehen, warum bestimmte Gedanken und Gefühle wiederholt auftauchen, und verständnisvoll mit sich selbst umzugehen
  • Eigene Bedürfnisse und das Gefühl, aus der Balance zu sein, ernst zu nehmen und Wege zu finden, wieder zur Balance zu finden
  • Sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, achtsam zu sein. Jeden Tag. Und dann auf sich selbst und die Umgebung achten und alles in möglichst vielen Facetten wahrzunehmen.
  • Meine Ziele und Werte nicht aus den Augen zu verlieren, sondern sich immer wieder klarzumachen, was wirklich wichtig für mich ist.

Es gibt nicht den einen Weg, achtsam zu sein. Es gibt keine Anleitung, die immer funktioniert. Achtsamkeit ist so individuell wie die Menschen selbst.

„Alles, was wir uns selbst tun, tun wir auch für andere, und alles, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.“ (Thich Nhat Hanh)

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