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Bedürfnislosigkeit? Warum es okay ist, Bedürfnisse zu haben.

Unsere Bedürfnisse

Bedürfnislosigkeit – das oberste Ziel?

Bedürfnisse – ein zwiespältiges Thema. Ist es okay, Bedürfnisse zu haben oder ist es das Ziel, frei von Bedürfnissen zu sein?

Viele gelehrte und weise Menschen preisen die Bedürfnislosigkeit als die einzige Möglichkeit an, glücklich zu sein:

„Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zuständen.“ (Goethe)

„Je mehr du eines deiner Bedürfnisse befriedigst, umso stärker wird es, und je weniger du es befriedigst, umso weniger macht es sich geltend.“ (Tolstoi)

„Nur durch Bedürfnisse bin ich eingeschränkt – oder einschränkbar.“ (Novalis)

Grundbedürfnisse und Luxusbedürfnisse

Ich stimme da nur teilweise zu. Zuerst einmal hat jeder Mensch gewisse Grundbedürfnisse, deren Erfüllung für ein dauerhaft zufriedenes Leben notwendig ist: Genug zu essen, sauberes Wasser, Schlaf, ein Dach über dem Kopf, Hygiene und soziale Beziehungen. Ein Verzicht auf diese Dinge kann meiner Meinung nach auf Dauer nicht gut gehen.

Andererseits gibt es natürlich auch gewisse Luxusbedürfnisse, oder, wie ich sie nenne: Scheinbedürfnisse. Das sind Dinge, die wir glauben zu brauchen, um glücklich zu sein. Diese Scheinbedürfnisse sind meist auf materielle Güter ausgerichtet: Das neueste Smartphone, den schicken BMW, den Whirlpool auf der Terrasse, die Kreuzfahrt in die Karibik… Doch vielleicht müssen wir gar nicht so weit gehen. Sind nicht auch schon der jährliche Sommerurlaub, die 2-Zimmer-Wohnung und der Kinobesuch Luxusbedürfnisse? Kann Urlaub auf Balkonien, ein kleines Zimmer mit Bad und Kochecke und eine DVD am Abend nicht genauso glücklich machen?

Individuelle Bedürfnisse

Tatsache ist, kein Mensch ist frei von Bedürfnissen. Grundbedürfnisse hat jeder, doch abgesehen davon haben Menschen auch individuelle Bedürfnisse, die dazu führen, dass bestimmte Ziele und Handlungen entstehen.

Manche Menschen haben das Bedürfnis nach viel Bewegung. Dieses Bedürfnis erfüllen sie durch regelmäßigen Sport.

Manche Menschen haben das Bedürfnis sich kreativ auszudrücken. Sie malen, singen, schreiben oder dekorieren.

Manche Menschen haben das Bedürfnis anderen zu helfen. Sie hören zu, packen an, üben einen sozialen Beruf aus oder engagieren sich.

Ohne diese Bedürfnisse gäbe es keinen Wandel und keine Varietät und die Menschheit würde sich nicht weiterentwickeln.

Bedürfnisse nicht unterdrücken

Die Unterdrückung von persönlichen Bedürfnissen führt früher oder später auch zum Unglück. Wenn ich eigentlich am liebsten kreativ bin, dieses Bedürfnis aber ignoriere, indem ich einen drögen Bürojob ausübe und nach der Arbeit meine Wohnung putze, werde ich irgendwann an einen Punkt in meinem Leben kommen, an dem ich entweder verzweifle oder an dem das Bedürfnis so groß wird, dass ich etwas an meinem Leben ändere, um eben nicht zu verzweifeln.

Wenn ich eigentlich ein Mensch bin, der anderen am liebsten helfen möchte und etwas Gutes bewirken möchte, werde ich früher oder später in einem Unternehmen kaputt gehen, das andere ausbeutet und in dem Profit an erster Stelle steht.

Bedürfnisse in menschlichen Beziehungen

Wie sieht es in menschlichen Beziehungen aus?

Auch in Freundschaften und Partnerschaften haben wir Bedürfnisse. Das Bedürfnis zu reden, das Bedürfnis nach Zärtlichkeit, das Bedürfnis nach gemeinsamen Aktivitäten, das Bedürfnis nach körperlicher Nähe…

Hier unterliegen jedoch viele Menschen dem Irrtum, dass es die Aufgabe des Freundes oder des Partners sei, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Erwartungen und Ansprüche sind jedoch früher oder später der Grund, warum Beziehungen auseinander gehen. Es ist eben nicht die Aufgabe eines anderen Menschen, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Das ist allein unsere Aufgabe. Wenn wir das Bedürfnis nach Zärtlichkeit haben, unser Partner dieses Bedürfnis jedoch nicht im gleichen Maß hat, dann sind dies erstmal nur zwei Bedürfnisse, die nicht zusammenpassen. Dann sind wir selbst gefragt, wie wir uns dieses Bedürfnis erfüllen können. Können wir Zärtlichkeit auch in der Familie erfahren? Können wir zärtlicher mit uns selbst umgehen? Wird mein Partner vielleicht automatisch zärtlich, wenn wir zu ihm zärtlich sind? Oder wird dieses Bedürfnis nur in einer neuen Partnerschaft erfüllt?

Bei Bedürfnissen ist es also wichtig, von sich selbst auszugehen und nicht das eigene Glück von einer anderen Person abhängig zu machen. Wenn ich das Bedürfnis habe, mit einer guten Freundin zu sprechen, diese aber das Bedürfnis nach Ruhe hat, dann muss ich ihr Bedürfnis respektieren und mir überlegen, wie ich mein Bedürfnis anderweitig erfüllen kann. Würde ich meiner Freundin nun vorhalten, dass es als Freundin ihre Pflicht sei mit mir zu reden, wenn ich das Bedürfnis danach habe, würde die Freundschaft  irgendwann zwangsläufig darunter leiden.

Bedürfnisse zurückstellen?

Wie sieht es aus  mit dem freiwilligen Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse, um jemandem einen Gefallen zu tun? Wenn ich eigentlich das Bedürfnis nach einem gemütlichen Abend auf der Couch habe, mein Partner jedoch lieber ausgehen möchte, habe ich die Wahl. Ich mache ihm eine Freude und gehe mit oder ich bleibe zu Hause und lasse ihn alleine losziehen oder ich überrede ihn den Abend mit mir auf der Couch zu verbringen. Ich denke, dass keine der drei Möglichkeiten auf Dauer die richtige Lösung ist. Es kann jedoch eine nette Geste sein, das eigene Bedürfnis für einen Abend zurückzustellen. Genauso ist es in Ordnung, wenn jeder auf sein eigenes Bedürfnis achtet und man diesen Abend dann eben nicht gemeinsam verbringt. Wenn es jedoch jede Woche so ist, dass ich meine Bedürfnisse zurückstelle oder wenn irgendwann keine Gemeinsamkeiten mehr vorhanden sind, stellt sich wieder die Frage, ob ich meine Bedürfnisse in dieser Partnerschaft erfüllen kann.

Du bist verantwortlich!

Individuelle Bedürfnisse sind also nicht zu unterschätzen. Es ist okay und sogar gut, Bedürfnisse zu haben und diese klar zu kommunizieren. Man sollte sich nur immer im Klaren sein, dass es nicht die Aufgabe anderer ist, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist einzig und allein deine Angelegenheit, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und für ihre Erfüllung zu sorgen.

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier. (Mahatma Gandhi)

 

 

1 Kommentar

  1. Du hast das Leben erfahren, deine Erhabenheit ist eine Rarität.
    Deine Worte immer wieder explodierend, wart auf nächste Klänge der Realität.

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