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Bindungsangst und Angst verlassen zu werden

Bindung

„Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten.“ Hildegard von Bingen

Vorbelastete Beziehungen
Gefühle machen uns verwundbar. Deshalb haben so viele Menschen Probleme mit ihren menschlichen Beziehungen. Wir haben Angst verletzt zu werden, wenn wir uns öffnen. Gleichzeitig haben wir so ein großes Bedürfnis nach Liebe und Nähe, dass wir Beziehungen eingehen und es immer wieder riskieren. Das ist auch gut so, denn echte Liebe und tiefe Freundschaft ist unbezahlbar und das schönste, was es auf dieser Welt gibt.

Leider sind wir alle menschlich und wir alle haben unsere Geschichte mit herben Enttäuschungen, schlimmen Erfahrungen und Schmerz, den wir in unsere Beziehungen mitbringen. Unsere Beziehungen sind deshalb oft vorbelastet und früher oder später kommt es zu Konflikten.

Bindungsangst – Ich halte dich auf Abstand.
Viele Menschen leiden unter Bindungsangst. Aufgrund fehlender Bindung oder Enttäuschung in früheren Beziehungen fürchten sie eine Beziehung einzugehen. Wenn eine Beziehung zu intim und nah wird, kommt es zum Abblocken, zum inneren Widerstand und zu Angst vor neuen Enttäuschungen. Sie halten den Menschen, der sie mag oder sogar liebt immer eine Armlänge auf Abstand oder beenden die Beziehung, bevor sie richtig begonnen hat. Dadurch verletzen sie sich selbst jedoch immer wieder.

Klammern – Ich halte dich fest.
Das Gegenteil von Bindungsangst ist das Klammern. Menschen, die klammern, versuchen Menschen in ihrem Leben so festzuhalten, dass sie am Ende genau das Gegenteil damit erreichen. Sie schlagen sie in die Flucht. Klammerer haben Angst, sie könnten verlassen oder betrogen werden und versuchen ihren Partner oder ihre Partnerin, oder auch Freunde deshalb an sich zu binden. Sie machen sich auf diese Weise abhängig von anderen. Auch das Klammern hat meistens seine Ursachen in der Vergangenheit. Vielleicht wurden solche Menschen oft allein gelassen oder verlassen oder haben als Kinder wenig Bindung erfahren.

Oder beides?
Beide Verhaltensweisen können paradoxerweise auch zusammen auftreten. Aus Angst Verlassen zu werden entsteht emotionale Abhängigkeit, die zu Klammern führt und danach, wenn dieses Verhalten nicht fruchtet, wird der Partner oder die Partnerin von sich gestoßen.

Die perfekte Beziehung gibt es nicht
Tatsache ist, dass diese Ängste durch neue Beziehungen nicht geheilt werden können. Diese Kindheitstraumas oder Kindheitserlebnisse müssen selbst aufgearbeitet werden. Denn eine gesunde Beziehung basiert auf gegenseitigem Vertrauen, Ehrlichkeit, Offenheit und einem ausgeglichenem Maß an Nähe und Unabhängigkeit. Uns wird heute durch Medien, aber auch durch die Gesellschaft oft suggeriert, dass die große Liebe uns glücklich zu machen hat. Erst wenn wir den Partner oder die Partnerin unseres Lebens gefunden haben, ist unser Leben und damit unser Glück komplett. Mit diesen Erwartungen gehen wir Beziehungen ein und merken dann nach einigen Wochen oder Monaten auf Wolke 7, wie die alten Muster und Ängste wieder aufbrechen und uns wieder einholen. Wir suchen die Schuld im Außen oder in dem Menschen, der uns nahe steht und damit beginnen die ersten Beziehungskonflikte. Diese Ängste können schlussendlich zur Krise und zum Ende der Beziehung führen.

Vertrauen finden
Erst, wenn wir wirklich bereit sind, uns selbst zu lieben und vertrauen, können wir diese Liebe und dieses Vertrauen ohne Angst weitergeben. Wir können lieben ohne Abhängigkeit und mit vollem Herzen. Deshalb gilt es hier zu allererst die Angst zu identifizieren und danach anzunehmen. Diese Angst ist nicht ohne Grund da, sie hat ihre Ursachen. Doch der Mensch, der dir wichtig ist, kann dir diese Angst nicht nehmen.

Und loslassen
Ein wichtiges Stichwort ist hier auch: Widerstandslosigkeit. Wir müssen akzeptieren, dass wir einen Menschen nicht festhalten können, egal wie sehr wir es versuchen. Liebe lässt sich nicht erzwingen. Wenn dieser Mensch gehen wird, wird er gehen, egal wie sehr wir es zu verhindern versuchen. Wir können in diesem Falle NICHTS tun. Wir können nur an uns selbst arbeiten und uns selbst genug sein.

Wie kann man nun in einem solchen Moment, in dem wir Angst verspüren, uns zu binden oder verlassen zu werden, am besten damit umgehen?

  • Wichtig ist vor allem zu identifizieren, dass diese Angst meist in uns selbst und nicht im Außen begründet ist.
  • Versuche in dich hineinzuspüren: Was löst deine Angst in diesem Moment aus? Wie fühlt sich die Angst im Körper an? Welche Verhaltensweisen werden durch deine Angst ausgelöst?
  • Akzeptiere deine Angst. Umarme sie und behandle dich, wie du eine dir nahestehende Person behandeln würdest.
  • Kommuniziere deine Angst offen und ehrlich: Dein Partner oder deine Partnerin verdient es über deine Angst Bescheid zu wissen. Es macht aber mehr Sinn, über deine Angst in einem ruhigen Moment zu sprechen, als in der Hitze des Moments.
  • Idealerweise könnt ihr darüber sprechen, wie ihr in Zukunft mit der Angst umgeht. Vielleicht kann dich dein Partner oder deine Partnerin dabei unterstützen, die Angst zu überwinden.

Stelle dein Urvertrauen wieder her
Es gilt das Urvertrauen wieder herzustellen. Das Urvertrauen, dass uns in die Wiege gelegt wurde. Mit diesem Urvertrauen können wir uns verbunden fühlen und müssen keine Angst haben uns zu binden oder allein gelassen zu werden. Denn wir sind niemals wirklich allein. Mit einem tiefen Urvertrauen steht einer gesunden Beziehung zu anderen nichts im Wege. Dann erst ist Liebe wirklich frei und unbegrenzt.

„Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.“
Franz Kafka

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