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Innere Stimme und Vernunftstimme

Innere Stimme und Vernunfstimme

Kleine Anekdote: Die warnende Instanz

Sicher hat jeder schon einmal vom Bauchgefühl (auch bekannt als Innere Stimme oder Herzensstimme) gehört. Ein Beispiel dafür findet sich in der folgenden Anekdote eines Bekannten:

„Ich ging im Wald spazieren. Plötzlich entdeckte ich eine dunkle Höhle. Neugierig wie ich war, tastete ich mich vorsichtig hinein. Die Dunkelheit umschloss mich schnell. Es roch modrig und die Stille war bedrückend. Ich konnte kein Ende der Höhle ausmachen. Obwohl ich weitergehen wollte, bewegten sich meine Füße nicht mehr. Meine innere Stimme warnte mich: Geh nicht weiter. Du weißt nicht, was da drin auf dich wartet. Es könnte gefährlich sein. Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache. Meine Vernunft hingegen sagte: Was soll schon da drin sein? Das ist einfach nur eine Höhle. Hier ist nichts. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben. Trotzdem kehrte ich um und verließ die Höhle aufatmend wieder.“

Das Bauchgefühl fungiert hier also als warnende Instanz vor einer möglichen Gefahr. Diese Gefahr muss nicht unbedingt eine dunkle Höhle sein, sie kann uns auch vor Dingen oder Personen warnen, die nicht gut für uns sind. Wenn wir beispielsweise jedes Mal ein ungutes Gefühl haben, wenn wir uns mit einer bestimmten Person treffen, meldet sich hier vermutlich der Bauch zu Wort, obwohl unser Kopf uns sagt: Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein. X ist doch nett!

Die richtige Entscheidung treffen

Der Bauch kann jedoch auch andersherum ein Indikator für eine richtige Entscheidung sein. Stellen wir uns vor, zwei Menschen befinden sich in einer bereits mehrere Jahre andauernden Beziehung. Viele Dinge sind gut, beide verstehen sich prächtig, teilen Interessen und haben gemeinsame Ziele. Mit einem Problem: Eigentlich fühlt es sich schon seit einiger Zeit für die eine Person nicht mehr richtig an. Ein diffuses Gefühl nur, doch sie bemerkt immer wieder, dass kein Gefühl des Vermissens auftritt, keine Bedürfnis für körperliche Nähe vorhanden ist, dass Kleinigkeiten nerven usw. Viele werden nun denken: Ist doch eindeutig, es ist keine Liebe mehr vorhanden! So eindeutig muss es jedoch nicht sein. Das Bauchgefühl lässt sich durch den Kopf immer wieder zu unterdrücken, man kann sich selbst etwas vorzumachen, sich einzureden, dass das nicht sein kann. Schließlich baut man sich ja auch jahrelang gemeinsam etwas auf, was man nicht einfach hinschmeißen will. Die innere Stimme lässt sich so unterdrücken. Bis irgendein Ereignis eintritt, dass es unmöglich macht, so weiterzumachen. Zum Beispiel eine Person, in die man sich richtig verliebt. Und zwar so sehr, dass die Bauchstimme unmöglich weiter ignoriert werden kann. Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass man sich lange etwas vorgemacht hat und für den Partner, der wahre Liebe empfindet ist es umso härter. Trotzdem ist es in diesem Fall wahrscheinlich die richtige Entscheidung, dass man dem Herzen folgt und es wird eine Last abfallen. Daraus können wir lernen, dass das Bauchgefühl die Wahrheit meist schon weiß, bevor der Kopf diesen Gedanken überhaupt formen kann.

Die Vernünftig-Denker

Viele Menschen haben verlernt oder nie gelernt auf ihr Bauchgefühl zu hören. Sie lassen sich lieber durch andere Faktoren leiten und treffen Entscheidungen auf der Basis von vernünftigen Argumenten. Ich gehöre auch oft zu diesen Vernünftig-Denkern. Sie treffen die Entscheidung, eine bestimmte Ausbildung oder ein bestimmtes Studium zu absolvieren aufgrund der späteren Jobchancen, sie bleiben in einer Beziehung, die sie unglücklich macht, sie leben an einem Ort, den sie nicht mögen, sie umgeben sich mit Menschen, mit denen sie sich nicht wohlfühlen. Die Gründe dafür können vielfältig sein, doch sie gehen immer vom Kopf aus. Meistens jedoch handelt es sich um ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, das Bedürfnis, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, die Unfähigkeit eigene Fehler einzugestehen und die Angst aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Aus uns sprechen Familienmitglieder, Freunde, die Gesellschaft, Medien und manchmal auch ein früheres Ich, dass sich nicht eingestehen kann, dass wir und unsere Bedürfnisse sich verändert haben. Das klingt erstmal hart.

Die beiden Stimmen

Es ist auch nicht leicht zwischen beiden Stimmen zu unterscheiden. Um das herauszufinden müssen wir genau differenzieren:

Was will ich? Und was wollen die Anderen und ich tue es nur, um die Bedürfnisse Anderer zu befriedigen?

Oder: Was brauche ich? Und bei welchen Dingen bilde ich mir nur ein, ich würde sie brauchen?

Ich möchte nun nicht die Kopfstimme verteufeln. Manchmal ist der Bauch auch voreilig. Er warnt mich, obwohl es keine Gefahr gibt, beispielsweise. In diesem Moment kann der Kopf nützlich sein, indem er mir vernünftige Argumente dafür liefert, keine Angst zu haben. Manchmal ist es gut, das eigene Bauchgefühl zu überreden. Wer geht schon gerne zum Vorstellungsgespräch? Die meisten Menschen würden wahrscheinlich schnell wieder umdrehen und das Weite suchen, wenn ihr Kopf ihnen nicht den Mehrwert des Vorstellungsgespräches vorhalten würde.

Es kann auch naiv und voreilig sein, sofort auf den Bauch zu hören. Es ist keine gute Idee, sofort die Kündigung beim Job einzureichen. Oder in der Beziehung sofort das Handtuch zu werfen. Bei großen Lebensentscheidungen sollten wir uns Zeit lassen Bauch- und Kopfstimme genau zu analysieren. Wenn wir bei unserem Job unglücklich sind, sollten wir uns fragen, wofür wir diesen Job noch machen. Wegen dem Geld? Wegen der finanziellen Sicherheit? Oder bringt uns dieser eher unliebsame Job eventuell näher an unser eigentliches Ziel, weil wir beispielsweise befördert werden können, wertvolle Erfahrungen sammeln können, etc. Manchmal kann es demzufolge auch klug sein, auf den Kopf zu hören – zumindest für den Moment. Doch wir sollten uns darüber im Klaren sein, was wir eigentlich wollen. Was unsere Ziele sind. Was wir dafür tun können, um diese Ziele zu erreichen.

Höre auf dein Herz!

Das ist der Rat, den wir oft bekommen. Er ist nicht immer leicht zu befolgen, da wir erst einmal heraushören müssen, was das Herz sagt. Das Herz flüstert oft nur und alle anderen Stimmen, besonders die Kopfstimme, ist viel lauter und übertönt das Herz am laufenden Band.

Deshalb mein Rat: Nimm dir Zeit. Lausche. Hör deinem Herzen und deinem Bauch zu. Schreib das Gefühl und die Gedanken auf, die dir kommen, während du zuhörst. Am Anfang mögen sie dir verrückt vorkommen, unmöglich zu verwirklichen oder sogar unlogisch. Vielleicht fühlst du Angst oder Ärger über deine Herzensgedanken. Und dann werde dir klar, woher diese Angst und dieser Ärger kommen. Kommen diese negativen Gefühle vielleicht wieder aus dem Kopf? Sagt dein Kopf dir, dass das Schwachsinn ist und bloße Träumerei? Schreib auch dies auf. Stelle deine beiden Stimmen auf dem Blatt gegeneinander. Ordne deine Gedanken. Auf diese Weise kannst du verstehen, welche Gedanken und Gefühle aus deinem Innersten kommen und welche sich von außen eingeschlichen haben oder ein typisches, antrainiertes Denkmuster widerspiegeln.

Dieser Prozess braucht Zeit. Nimm dir deine Herzensgedanken immer wieder vor und stelle dir vor, du würdest deiner inneren Stimme folgen und keine äußeren Faktoren würden dich daran hindern. Was fühlst du dann?

Ich habe gemerkt, dass ich bei der Vorstellung, ich könnte diese Gedanken und Vorstellungen verwirklichen, Herzflattern bekomme. Ich werde ganz aufgeregt, aber auf positive Art und Weise. Am liebsten möchte ich mich sofort an die Umsetzung machen. Wenn ich dann die äußeren Faktoren prüfe, tritt manchmal auch die Ernüchterung wieder ein. Doch wenn du merkst, dass ein bestimmter Herzensgedanke immer wieder auftritt, nimm ihn ernst. Er ist wichtig. Er kann dir vorgeben, in welche Richtung sich dein Leben entwickeln könnte.

In diesem Sinne wünsche ich euch, dass ihr eurer inneren Stimme lauschen könnt. Sie kann euch helfen, ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu leben.

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