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Kleine Yoga-Geschichte

Yoga-Geschichte

Die Sonne steigt über den Bergkamm. Langsam beginnen ihre Strahlen den noch gefrorenen Boden zu wärmen und der Tau glitzert im aufziehenden Tageslicht. Ein Falke schwingt sich vom nahen, noch dunklen Nadelwald in luftige Höhen und kreist über dem wunderschönen morgendlichen Schauspiel.

Ich trete aus meinem Versteck. Meine Glieder sind noch etwas steif von der Kälte. Tief atme ich die eisige Luft ein und spüre gleichzeitig die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Mit bloßen Füßen mache ich einen Schritt auf das gefrorene Gras. Es knistert leise, während ich mit vorsichtigen Schritten am Waldrand entlang über die Bergwiese schreite. Den Schmerz der Kälte, der langsam an meinen Beinen heraufkriecht, spüre ich nicht. Stattdessen fokussiere ich mich auf die Natur und mein Ziel, der große Felsen, der noch im Schatten des Gebirgsmassives wie ein Fremdkörper im Zentrum der hügeligen Wiese liegt. Alle Blicke richten sich automatisch auf diesen einen Fixpunkt, wenn man die Lichtung betritt. Dunkel, majestätisch und schutzbietend für alle Lebewesen.

Ich erreiche den Felsen und berühre mit den Händen, den kalten, noch feuchten Stein. Ich umfasse eine Kante und klettere mit raschen Bewegungen auf die ebene Oberfläche des Felsens. In diesem Moment berührt der erste Sonnenstrahl das Massiv und ich strecke meine Arme dem Licht entgegen und genieße den atemberaubenden Blick ins Tal. Einige scharf geschnittene Wolken haben sich in den felsigen Kanten der Gebirgskette verfangen und unter mir ziehen neblige Schwaden. Ich fühle mich stark wie eine Kriegerin. Meine Beine sind stark und halten mich im Gleichgewicht. Ich fühle mich mit dem Hier und Jetzt verbunden und wende den Blick der Sonne entgegen. Mich kümmert das Gestern nicht, alles was passiert ist, ist in diesem Moment nicht relevant. Wichtig ist nur, dass ich jetzt stark bin und nichts meine gegenwärtige Balance stören könnte. Ich bin mutig und fürchte mich nicht vor dem was kommt.

Als die Sonne höher steigt und das Tal und den Bergkamm in goldenes Licht taucht, wird klar, dass ich  Teil eines Ganzen bin und die unglaubliche Schönheit und Macht der Natur raubt mir den Atem. Demütig verbeuge ich mich vor der Sonne und gibt sich in die Hände des großen Ganzen. Ich fühle mich aufgehoben und sicher.

Die Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht und mein Körper beginnt wohlig zu kribbeln, als sich die Wärme von oben durch meinen Kopf bis in meine Füße hinunter ausbreitet. Das Leben ist so schön. Auch Kriegerinnen müssen nicht immer stark sein und dürfen sich ganz der Freude und Leichtigkeit hingeben.

Während ich mit der Morgensonne tanze, zieht der Falke weiter majestätisch seine Kreise hoch über mir. Ich fühle die Sehnsucht mit ihm zu fliegen. Ich verlasse meinen festen Stand und lasse los. Da ich in mir ruhe, verliere ich nicht das Gleichgewicht. Eine leichte Brise umspielt meinen Körper.

Nach einer Weile finde ich festen Boden unter den Füßen und strecke die Arme kraftvoll nach oben. Plötzlich stürzt der Falke herab wie ein Pfeil. Ich tue es ihm gleich und verschmelze mit dem glatten Fels. Als ich Kopf und Oberkörper anhebe, fließt die kraftvolle Energie der Sonne in mein Herz und erfüllt mich mit Wärme und Liebe.

Mit einem von Wärme und Liebe erfülltem Herzen drücke ich meinen Körper nach oben und blicke nach unten auf die Erde, die mich trägt. Ich fühle mich kraftvoll mit der Erde verbunden und spüre, wie ihre Energie durch meine Hände und Füße fließt.

Um mich der Erde noch mehr hinzugeben, beuge ich mich tief zu ihr hinunter und entspanne meinen Körper. Meine Hände berühren den Boden und ich atme tief die frische Morgenluft ein und aus.

Langsam rolle ich mich nach oben und genieße die Aussicht auf den Bergkamm. Ich stehe mit beiden Füßen fest auf dem Boden und meine Hände sind der Sonne entgegen gewandt. Sanft schließe ich die Augen und vertraue mir selbst.

Ich bin so dankbar für alles, was mir das Leben bisher gegeben hat. Alle guten und schlechten Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Während ich vom Felsen klettere und beschwingten Schrittes über die Wiese zurückkehre, sind meine Sinne nach außen gewandt und ich nehme alles um mich herum intensiv wahr.

Ich hoffe, diese Geschichte inspiriert euch dazu, den tieferen Sinn von Yoga auf euch wirken zu lassen und zumindest einen Moment lang achtsam auf das Leben zu sein.

Namasté.

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