Artikel
0 Kommentare

Loslassen lernen

Loslassen

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ Viele Menschen kennen diesen Spruch sehr gut aus ihrer Kindheit. Bei mir hat dieses Prinzip lange Zeit sehr gut funktioniert. In der Schulzeit machte ich nach der Schule im Normalfall meine Hausaufgaben und lernte, und danach hatte ich als Belohnung meine wohlverdiente Freizeit, die ich nutzte, um meinen Hobbies nachzugehen, Freunde zu treffen, zu lesen und am Computer zu spielen. Schwieriger wurde dieses Vorgehen, als ich mein Studium begann und auszog, woraufhin ich auch alle Alltagspflichten nebenher erledigen musste. Ich kompensierte den deutlich größeren Arbeitsaufwand, indem ich extrem organisiert wurde. Noch heute bin ich ein Meister im Zeitmanagement. Ohne eine To-Do-Liste beginnt kaum ein Tag oder eine Woche. Ich geriet nie in Zeitverzug während meines Studiums, schrieb alle Hausarbeiten und Prüfungen in der vorgesehenen Prüfungszeit. Nach wie vor galt für mich das Prinzip: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“.

Leider brachte das mit der Zeit einige negative Konsequenzen hervor.

Zum einen wurde Arbeit für mich dadurch zu einer täglichen Pflicht, die es zu erledigen galt. Ich empfand Freude, wenn ich eine Sache von meiner To-Do-Liste streichen konnte, die Arbeit selbst war jedoch eher eine Notwendigkeit. Mehr zu tun als nötig, war für mich keine Option, denn meine größte Motivation war die am Abend folgende Freizeit. Wie ein fleißiges Bienchen erledigte ich gewissenhaft meine Aufgaben, ohne mir die Zeit dazu zu gönnen, herauszufinden, welche Arbeit mir wirklich Spaß machte. Für mich war es beinahe unvorstellbar, dass es Leute gibt, die morgens aufwachen und sich auf ihren Arbeitstag freuen und der Arbeit willen motiviert sind.

Zum anderen wurde es fast unmöglich, die Arbeit zu beenden, bevor das Vergnügen dran war. Im Studium gibt es immer etwas zu tun, man ist im Grunde nie fertig mit dem Lernen, Lesen und Arbeiten. Und danach muss man immer noch kochen, putzen, einkaufen, Wäsche waschen und Papierkram erledigen, der jedes Jahr mehr wurde. Meistens ging ich dann dazu über, mir konsequent abends Freizeit zu gönnen. Wenn ich aber nicht alles im Laufe des Tages geschafft hatte, unmotiviert war oder unvernünftig (was bei steigendem Arbeitspensum öfter vorkam), bestrafte ich mich abends mit einem schlechten Gewissen und beschimpfte mich selbst als faul und unfähig. Dazu kam noch, dass ich nicht entspannen konnte, wenn mein Freund abends oder am Wochenende arbeiten oder lernen musste. Stattdessen füllte ich meine Zeit mit sinnvollen und vernünftigen Aufgaben, die meiner Meinung nach erledigt werden mussten.

All dies führte dazu, dass ich oft morgens aufwachte und absolut energielos und kraftlos war. Ich hatte keine Lust auf meinen Tag und die Gedanken an die ständigen Pflichten verursachten mir Bauchschmerzen. Früher war ich in meiner Freizeit oft kreativ gewesen. Ich schrieb Geschichten und Gedichte, malte und fotografierte. Während meines Studiums war dieser kreative Teil an mir langsam gestorben. Ich hatte neben all diesen Pflichten keine Lust und keine Kraft mehr zu schreiben (das musste ich ja im Studium schon genug).

Durch psychologische Unterstützung erkannte ich dann mein schon fast zwanghaftes Pflichtverhalten. Ich hatte jahrelang konsequent die Zeichen meines Körpers und meines Geistes ignoriert. Ich konnte mir keine Entspannung gönnen, wenn ich sie dringend brauchte, sondern erst, wenn ich das Gefühl hatte, alles erledigt zu haben. Mein Freund sagt gerne zu mir: Du hast nie gelernt, wirklich zu entspannen.

Ich hatte oft keine Ahnung, was mir wirklich Spaß machte, da viele Dinge in meinem Leben reine Pflicht für mich wahren. Das galt sowohl für die Arbeit als auch für Freizeitdinge. Zum Beispiel zwang ich mich lange, zu Partys zu gehen oder Veranstaltungen, auf die ich keine Lust hatte, weil ich Angst hatte, etwas Wichtiges zu verpassen oder unsozial zu sein und quälte mich deswegen tagelang.

Außerdem konnte ich mir nur über die Ergebnisse meiner Arbeit oder meines Fleißes freuen, wenn jemand anderes sich darüber freute und Wertschätzung äußerte. Ich selbst konnte nicht stolz auf mich sein und mir selbst diese Wertschätzung geben. In meinem Kopf war ich nur etwas wert, wenn Andere mir das Gefühl gaben wertvoll zu sein.

All dies führte dazu, dass ich zeitweise depressiv war und nicht mehr wusste, wann ich mich zuletzt richtig glücklich gefühlt hatte. Auch entwickelten sich einige Angststörungen. Zum Beispiel war es für mich jedes Mal ein Graus von zu Hause zu meinem Studienort zurückzufahren. Ich hatte dort mein soziales Umfeld und ein Zuhause, doch ich fuhr jedes Mal mit Bauchschmerzen und Übelkeit zurück und weinte oft nach meiner Rückkehr. Warum das so war, wurde mir irgendwann klar. Ich assoziierte im Kopf meinen Studienort mit all den Pflichten, denen ich während der paar Tage zu Hause entfliehen konnte.

Endlich wurde mir klar, dass ich „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ zum Leitspruch meines gesamten Lebens gemacht hatte und ich meinen Selbstwert daran festmachte, wie gut ich meine Pflichten erfüllte.

Nun arbeite ich daran, loszulassen. Wenn ich mich schlapp und müde fühle, versuche ich mir Entspannung zu gönnen. Auch wenn es mitten am Tag ist. Ich trinke dann einen Tee, gehe spazieren oder höre Musik.

Wenn die fiese Stimme in mir, mich als faul und unfähig beschimpft, merke ich mittlerweile, wie gemein ich zu mir selbst bin  und kontere mit Lob und Trost für mich selbst. Ich sage mir dann: „Ich bin alles andere als faul. Im Gegenteil. Ich bin sehr fleißig und habe schon so viel geschafft. Ich fühle mich heute nur müde und das ist in Ordnung. Ich darf es heute ein wenig langsamer angehen.“

Auch versuche ich in mich hinein zu spüren und zu erkennen, was ich eigentlich machen will, welcher Arbeit ich nachgehen möchte und welche Freizeitaktivitäten mir Spaß und Entspannung bringen. Es fällt mir nach wie vor schwer, mich von dem was ich machen ‚muss‘ zu lösen und das ‚muss‘ durch ein ‚will‘ auszutauschen. Immerhin habe ich mittlerweile kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich nicht zu dieser einen Party gehe. Ich akzeptiere auch, dass ich mit manchen Menschen mehr Zeit verbringen möchte als mit Anderen und dass ich keine großen Gruppen mag.

Als Ausgleich zur Arbeit gehe ich gerne joggen und habe Yoga für mich entdeckt. Ich liebe Yoga, weil es so vielfältig ist und nicht nur den Körper trainiert, sondern auch den Kopf zur Ruhe bringt. Auch existiert im Yoga dieser Wettbewerbsgedanke nicht. Du musst nichts beweisen, es gibt keine Wettkämpfe, sondern du machst Fortschritte in deinem eigenen Tempo. Auch lernt man im Yoga, sich selbst so anzunehmen wie man ist. Wenn du an einem Tag nicht so fit bist, kannst du dies mit Yoga akzeptieren und dein Üben anpassen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, wie schwer es mir fällt, mein Gleichgewicht zu halten, wenn ich viele Gedanken im Kopf habe, Angst empfinde oder unkonzentriert bin. Yoga ist in diesem Fall der Spiegel meiner Seele. Ein weiteres Hobby, das ich liebe, ist das Swing Tanzen. Beim Tanzen schaffe ich es, so vollkommen und lückenlos abzuschalten und dabei noch unglaublich Spaß zu haben. Dieses Gefühl hatte ich bei keiner anderen Sportart, die ich je ausprobiert habe.

Loslassen kann ich auch in der Natur. Ich merke jedes Mal, wie eine schwere Last von mir abfällt, wenn ich nach Wochen in der Stadt, einmal für einen Nachmittag auf dem Land bin. Ich merke richtig, wie mein Herz vor Freude hüpft, wenn der Horizont mal weiter weg ist als zehn Meter.

Ich verbringe nun auch wieder mehr Zeit mit dem Schreiben und merke, wie gut es mir tut. Jedoch muss ich mich immer noch manchmal überzeugen, das Schreiben nicht als Pflicht zu empfinden, sondern wieder als bereichernde Freizeitbeschäftigung. Beim Schreiben kann ich produktiv sein und trotzdem Spaß haben. Ich liebe es, meine Gedanken frei fließen zu lassen, abseits der wissenschaftlichen Zwänge, die einem bei Hausarbeiten auferlegt werden.

Mir tut es sehr gut, manchmal die lästigen Pflichten sein zu lassen und mich selbst zu fragen: Was würde dir nun gerade gut tun? Und dies tue ich dann. Und wenn es nur 5 Minuten sind. So viel Zeit hat man auch zwischendurch, wenn man arbeiten geht.

Somit wünsche ich euch, dass ihr loslassen könnt und euch selbst etwas Gutes tun könnt.

=)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.