Artikel
0 Kommentare

Still in einer lauten Welt – Introvertiert und Hochsensibel

Introvertiert und hochsensibel

„Ruhig wie ein tiefer See mit ungetrübtem Wasser ist der Weise mit seiner heiteren Klarheit.“ (Buddha)

Kleine Statistik

Introversion und Hochsensibilität hängen eng zusammen. Nicht jeder introvertierte Mensch ist hochsensibel und nicht jeder hochsensible Mensch muss zwangsläufig introvertiert sein, doch sehr oft gehen beide Eigenschaften Hand in Hand. Es ist nicht leicht, eine Grenze zu ziehen zwischen Introversion und Extraversion oder Hochsensibilität und normaler Sensibilität, da die Übergänge fließend sind, deshalb möchte ich mich nicht lange mit Statistiken aufhalten. Ganz grob kann man sagen: Etwa 15-20 % aller Menschen sind hochsensibel. Von den Hochsensiblen sind über 70 % introvertiert.

Was unterscheidet nun Introversion und Hochsensibilität?

„Introvertiert“ bedeutet „nach innen gerichtet“, das heißt, dass die Energie mehr auf die innere Gedanken- und Gefühlswelt ausgerichtet ist. Introvertierte Menschen wirken oft still, nachdenklich und verschlossen auf Andere und der Umgang mit vielen Menschen kostet ihnen Energie. Energetisch auftanken können Introvertierte eher alleine.

Hochsensibilität bezieht sich eher auf die Reizaufnahme. Bei Hochsensiblen ist der Filter sehr viel durchlässiger und viel mehr Reize werden direkt aufgenommen und müssen verarbeitet werden. Laute Geräusche, Trubel, grelle Farben, unangenehme Gerüche usw. sind für hochsensible Menschen unglaublich anstrengend und kraftraubend. Das Resultat ist das Gleiche wie bei Introversion: Um sich zu erholen, ziehen sich Hochsensible gerne zurück, um weniger Reize aufzunehmen und in Ruhe durchzuatmen.

Warum schreibe ich heute über dieses Thema?

Obwohl  ziemlich viele Menschen sensibel auf Reize reagieren und noch mehr Menschen eher introvertiert sind, haben sie Probleme im Alltag damit. Gefühlt ist die Welt um uns herum laut und extrovertiert. Alles ist in Bewegung, es wird ständige Erreichbarkeit im Privat- und Berufsleben von uns erwartet, die technologische Entwicklung ist rasant und wir werden jeden Tag bombardiert mit Nachrichten und Social Media Posts. Dazu hat es noch den Anschein, dass erfolgreiche Menschen fast immer extrovertiert erscheinen, überall das Netzwerken propagiert wird und man in dieser Welt schnell den Anschluss verliert, wenn man das Tempo nicht mitgeht.

Bin ich von einem anderen Stern?

Ich selbst hatte viele Jahre meiner Kindheit und Jugend hindurch Probleme mit meiner Introversion und Hochsensibilität.

Früher habe ich mich oft wie von einem anderen Stern gefühlt und tue es auch heute noch manchmal. Schon im Kindergarten hatte ich nur wenige, enge Freunde. Den Trubel hielt ich nicht sehr lange aus und ich war jedes Mal froh, wenn ich mittags von meiner Mama abgeholt wurde. Dann begann meine Sternstunde: Jeden Tag nach dem Kindergarten setzte ich mich vor den Kassettenrekorder und hörte mein liebstes Hörspiel. Niemand durfte mich stören und obwohl ich das Hörspiel längst auswendig kannte, lauschte ich andächtig und konzentriert. Wenn jemand sprach, nervte mich das ungemein. Es war mein kleines Ritual, meine kleine Meditation mit 4 Jahren.

Als ich lesen konnte, vergrub ich mich oft stundenlang in meine Bücher. Ich vergaß alles um mich herum und tauchte in meine wunderbaren Fantasiewelten ein. Trotzdem war ich immer schon ein sehr sozialer Mensch. Meine Freunde und meine Familie waren alles für mich und ich war glücklich, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich jemandem etwas bedeute und gegenseitiges Vertrauen herrschte.

Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es jedoch für mich. In der Schule wurde oft von Lehrern kritisiert, dass ich zu still war und offener auf meine Mitschüler zugehen könnte, als ob es ein Fehler, ein Manko wäre. Dabei hatte ich Freunde und gute Noten. Immer öfter hatte ich das Gefühl, es wäre nicht okay, so zu sein wie ich war. In größeren Gruppen fühlte ich mich schnell alleine und fehl am Platz. Oberflächliche Gespräche langweilten und stressten mich und Smalltalk empfand ich als reinen Kraftakt. Ich fürchtete Partys, denn sie endeten oft damit, dass ich alleine in einer Ecke stand und mich ausgeschlossen fühlte. Ich konnte einfach nicht so ungezwungen mit so vielen unbekannten Menschen umgehen. Immer öfter erfand ich Ausreden, um zu Hause bleiben zu können. Ich sah keinen Reiz darin, in die Disko zu gehen und Alkohol zu trinken. Die Disko war mir viel zu laut und zu eng, nach spätestens einer Stunde wollte ich am liebsten die Beine in die Hand nehmen und fliehen. Für mich war es auch unverständlich, wie man es toll finden kann, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren oder gar einen Filmriss zu haben. Dauernd haderte ich mit meinem schlechten Gewissen und der Angst, den Anschluss zu verlieren, dem Gefühl langweilig zu sein und etwas zu verpassen.

Stattdessen liebte ich es, Geschichten und Gedichte zu schreiben, zu malen, Fotos zu machen, zu lesen und mich mit philosophischen und psychologischen Themen zu beschäftigen.

Selbstakzeptanz und Selbstliebe

Auch im Studium setzten sich diese Probleme fort, bis ich nach und nach lernte, mich zu akzeptieren wie ich bin. Ich stieß auf den Begriff „Hochsensibilität“ und verstand endlich, warum Diskos und Partys für mich das reine Grauen waren und dass ich nicht die einzige da draußen war, der es so ging. Ich habe gelernt, öfter nein zu sagen und musste dadurch leider auch erfahren, dass nicht jeder meiner Freunde damit umgehen konnte.

Im Gegenzug lernte ich aber auch tolle Menschen kennen, die mich akzeptieren wie ich bin. Je mehr ich mich selbst verstand und je umsichtiger ich mit mir selbst umzugehen lernte, desto mehr Menschen zog ich auch an, die mir ähnlich waren. Eigenschaften, die mir selbstverständlich erschienen, wurden plötzlich positiv ausgelegt. Meine Gedanken über Gott und die Welt führen dazu, dass ich manchmal weise genannt werde. Dass ich für meine Freunde immer da bin, zuhöre und gerne meine Hilfe anbiete, führt dazu dass meine Freundschaften eng und vertrauensvoll sind. Wenn mir jemand wichtig ist, bin ich ein sehr zuverlässiger Mensch. Ich bin immer noch verschlossen, aber ich habe gelernt, Menschen ein ehrliches Lächeln zu schenken und ich habe das Gefühl, damit mehr auszudrücken als Worte jemals könnten.

An alle introvertierten und hochsensiblen Menschen da draußen: Ihr seid wunderbar so wie ihr seid! Es ist okay, wenn ihr Zeit für euch allein braucht und wenn ihr große Menschenmengen meidet. Lasst euch nicht unter Druck setzen von der lauten und schrillen Welt da draußen. Die Welt braucht beides: Die lauten, nach außen gekehrten, fröhlichen und von Energie sprudelnden sowie die ruhigen, nach innen gekehrten, nachdenklichen und umsichtigen Menschen. Oft sind es nämlich die Stillen, die viele wertvolle Gedanken haben, sie haben die Macht zu entschleunigen, sie werden Ansprechpartner für Probleme und der Ruhepol für viele Menschen.

In diesem Sinne:

„Es gibt Wichtigeres im Leben als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“
(Mahatma Gandhi)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.